Mina K.
Zwischen zwei Welten

CSD Gelsenkirchen (17. Mai 2025)

Der CSD in Gelsenkirchen läutete auch dieses Jahr die queere Saison in NRW ein. Nach der Winterpause hatte ich Nachholbedarf und wollte gern4e dorthin. Meine Frau konnte ich schließlich auch dazu überreden, als auch Maryon und Jacqueline ihr Kommen ankündigten.

Ich habe lange herumprobiert, bis ich meine Outfit für den Tag zusammengestellt hatte. Um obenrum ein bisschen was her zu machen, zog ich meine Brustplatte mit den großen Brüsten an, deren spitze Nippel sich deutlich unter meiner Kleidung abzeichneten. Am Ende steckte von Kopf bis Fuß in silbernen Klamotten mit vielen bunten Accessoires. Ich war Genderfluid Silver Rainbow!🤩

Hier eine kurze Zusammenstellung (jeweils von oben nach unten):🤭

"Genderfluid":

"Silver":

"Rainbow":

Und ich bin sogar zügig mit allem fertig geworden, so dass wir rechtzeitig losfahren konnten. Meine Frau saß am Steuer während ich Jacqueline kontaktierte und fragte, ob sie einen guten Parkplatz kenne. Sie verneinte und sagte außerdem ihr und Maryons Kommen ab, wünschte uns aber viel Spaß.😢

Wir parkten um ca. 12:20 Uhr direkt im Parkhaus am Margarethe-Zingler-Platz, wo sich der Startpunkt befinden sollte. Durch einen Rewe gingen wir nach draußen. Auf dem Platz fand gerade ein kleiner Wochenmarkt statt, aber es war kaum buntes Volk zu sehen. Eine junge Frau kam auf uns zu, machte mir ein Kompliment für mein Outfit, und sagte, dass die Demo kurzfristig aus organisatorischen Gründen abgesagt wurde. Sie wies uns aber den Weg die Hauptstraße entlang zum Heinrich-König-Platz, wo das Straßenfest stattfinden sollte. Dort wären dann auch deutlich mehr CSD-Besucher als hier.

Positiv optimistisch machten wir uns auf den Weg. Am Ziel angekommen trafen wir auf etwa 100 bis 150 Leute, eine Bühne, auf der gerade eine Anlage aufgebaut wurde, und eine überschaubare Anzahl Infostände. Zur Einstimmung gönnten wir uns erst einmal eine kleine Dose Prosecco.

Ein junger Mann in einem geblümten, nicht mehr ganz sauberem Kleid kam auf uns zu und fragte, ob er ein Foto von mir machen dürfe. Natürlich ließ ich ihn und meine Frau bot ihm noch an, mit seinem Handy ein Foto von uns beiden zu machen. Als er verrichteter Dinge von dannen zog, meinte meine Frau, den Typen schon mal auf einem CSD gesehen zu haben, mit dem gleichen Kleid.

Wir schauten uns die Infostände an, von den es sage und schreibe zwei Stück gab. Aber ein paar Giveaways konnten wir einsacken. Ein offizielles CSD-Armbändchen gab es zwar leider nicht, aber dafür Gleitgel, ein paar Kondome, Aufkleber und eine Trinkflasche zum Aufrollen. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch und das Straßenfest ging immer noch nicht los, obwohl es schon nach 13 Uhr war. Daher suchten wir uns eine Sitzgelegenheit in der Sonne neben der Propsteikirche St. Augustinus um ein wenig zu entspannen.

Mein Frau bemerkte nach einer Weile, dass zwei junge Männer auf der Bühne Kabel aufrollten Ich stand auf, ging zu ihnen herüber und fragte nach dem Grund. Sie meinten, das Straßenfest wäre nun auch abgesagt worden. Sie wussten aber auch nicht, warum. Zurück an unserem Platz berichtete ich meiner Frau davon und per WhatsApp auch unseren Freunden.

Kurz darauf kam eine Frau mit einer großen Kameratasche auf uns zu, sprach mich auf mein tolles Outfit an und fragte, ob sie ein Foto von mir machen dürfe, was ich selbstverständlich gestatte. Sie war im Auftrag der Stadt Gelsenkirchen unterwegs. Wir sprachen mit ihr über die Situation. Sie bestätigte uns, dass der CSD nun komplett abgesagt war und erzählte uns etwas von einer nicht näher spezifizierten Bedrohung.

Die Frau ging weiter und wir berieten noch eine Weile, was wir nun tun. So viele Möglichkeiten gab es ja nicht. Und von den CSD-Teilnehmern war fast niemand mehr zu sehen. Meine Frau schlug vor, stattdessen shoppen zu gehen. Wir überquerten den Platz und kamen an einer Gruppe junger Leute vorbei, die gerade im Begriff waren, ihre Sachen zusammenzupacken. Sie meinten, sie träfen sich jetzt alle beim together. In dem Moment bekam ein Mädchen im sexy Gothic-Style eine Sprachnachricht, die sie für uns alle hörbar abspielte. Ich verstand nicht alles, aber eine Freundin berichtete offenbar davon, wie bereits jemand verprügelt worden wäre. Das war für sie Anlass genug, sich augenblicklich normalere Klamotten anzuziehen und schnellstmöglich von hier zu verschwinden. Jemand aus der Gruppe empfahl uns ausdrücklich, dies auch zu tun.

Als so akut schätzten wir die Gefahrenlage aber nicht ein, schon gar nicht in der Innenstadt vor dutzenden Augenzeugen. Außerdem fühlten wir uns erwachsen und reif genug, um uns jeder Situation zu stellen. Wir wünschten ihnen noch einen schönen und sicheren Tag und gingen unserer Wege.

Damit der Tag am Ende nicht ein kompletter Reinfall wurde, schlug meine Frau vor, ein wenig shoppen zu gehen. Bei Pink Mode direkt gegenüber gab es qualitativ hochwertige Handtaschen für nur zehn Euro im Angebot. Ich kaufte mir eine pinkfarbene mit vielen Fächern, damit ich endlich mal Ordnung halten und nicht immer alles suchen muss.

Wir verspürten ein wenig Hunger. Ich checkte per Google Maps die Umgebung und fand eine BackWerk-Filiale ganz in der Nähe. Auf dem kurzen Weg dorthin wurden wir von einem Vertreter einer Spendenorganisation angesprochen. Es war klar, was er wollte. Da wir aber bereits regelmäßig mehrere Hundert Euro pro Jahr per Dauerauftrag für verschiedene Organisationen spenden, lehnten wir dankend ab.

Im BackWerk aßen wir eine Kleinigkeit. Meine Frau musste anschließend aufs Klo, aber es gab dort keines. Auf dem Weg zurück zum Auto fragte sie daher im Café Graziella Due, ob sie dort die Toilette benutzen dürfe, was freundlicherweise gestattet wurde. Ich setzte mich inzwischen auf die Bank davor und beobachtete die Passanten. Die meisten beachteten mich gar nicht, obwohl ich in meinem CSD-Outfit definitiv der bunteste Vogel am Platz war.🧚

Früher wäre mir das vermutlich unangenehm gewesen, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Doch an diesem Tag verspürte ich kein Unbehagen sondern Stolz. Schließlich war es das, wofür ein CSD stand, der international unter dem Begriff "Pride" weitaus geläufiger ist.

Eine Gruppe arabisch aussehender Männer lief an mir vorbei und würdigte  mich keine Blickes. Ich war ihnen egal, und das war gut so. Dann kamen zwei ältere Frauen des Weges. Als sie mich bemerkten, lächelten sie und gingen auf mich zu. Eine fragte mach, ob der CSD schon vorbei sei. Ich erklärte ihnen, dass er wegen einer "abstrakten Bedrohungslage" kurzfristig abgesagt worden sei. Sie schüttelte verständnislos den Kopf und fand es ebenso traurig wie ich. Dann sagte sie etwas von "leben und leben lassen", woraufhin ich schulterzuckend erwiderte: "Wem sagen Sie das?" Sie wünschten mir noch einen schönen Tag und gingen weiter. Kurz darauf lief ein grimmig dreinblickender, älterer weißer Mann im Schalke-Trikot an mir vorbei. Kurz bevor er meine Position erreichte, spuckte er auf den Boden, als ob er damit ein Zeichen setzen wolle. Das zeigte leider wieder einmal anschaulich, aus welcher Richtung die "abstrakte Bedrohung" tatsächlich kam. Die Migranten waren jedenfalls nicht das Problem.😞

Nachdem meine Frau ihr Geschäft erledigt hatte, gingen wir zum Auto und fuhren nach Hause. Auf dem Weg bekam ich eine WhatsApp-Nachricht von Jacqueline. Sie hatte ein wenig recherchiert und ließ mir zwei Links mit Erklärungen zukommen:

Später fand ich selbst noch diesen hier: Sicherheit geht vor: Veranstalter zu CSD-Absage in Gelsenkirchen.

Zuhause angekommen, tauschte ich zunächst mein CSD-Outfit gegen weniger bunte und auffällige Kleidung, denn wir wollten noch einkaufen. Eine Capri-Jeans, ein pinkes T-Shirt und eine paar  Opentoe-Hochfrontpumps mit Keilabsatz im Bluejeans-Look sahen da schon etwas normaler aus. Meine großen Brüste legte ich aber nicht ab.😋

Bevor wir zum Supermarkt fuhren, schauten wir bei ein paar ortsansässigen Gebrauchtwagenhändlern vorbei, weil wir auf der Suche nach einem kleinen Auto für unsere fast 18jährige Tochter waren. Auch hier habe ich keinerlei Ablehnung von den durchweg arabischstämmigen Autoverkäufern empfunden.

Den Abend verbrachten wir vor dem Fernseher, schließlich lief das Finale des Eurovision Song Contests.🎶🤩


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